Chronik: 50 Jahre Stadtverband

Eine historische Skizze zur Gründung

Der Mössinger Ortsverband – nach der Stadterhebung 1974 dann: Stadtverband –  der CDU wurde am 14. Juli 1970 in einer dreistündigen Versammlung mit neun Teilnehmern in der Mössinger „Krone“ gegründet. Dabei waren der Landtagsabgeordnete Gerd Weng, der Kreisvorsitzende Klaus Greef und der Tübinger Stadtverbandsvorsitzende Albrecht Locher. Letzterer begründete die Neugründung mit den guten Ergebnissen bei den letzten Wahlen, welche die Errichtung rechtfertigen würden. Zum ersten Vorsitzenden der CDU Mössingen wurde auf der Versammlung Günter Georg Kinzel gewählt. Kinzel war kurz zuvor nach Mössingen gezogen und der eigentliche Spiritus Rector der Neugründung – er sollte den Stadtverband in den ersten Jahrzehnten entscheidend prägen. Der neue Verband formulierte für sich das ehrgeizige Ziel, im Verlauf der „nächsten Jahre“ auf über einhundert Mitglieder zu wachsen. Zum 10-jährigen Jubiläum konnte der Vorsitzende – noch immer Kinzel – dann zwar keinen Vollzug melden, aber das Ziel war fast erreicht, der Stadtverband hatte 1980 98 Mitglieder und das, obwohl es Neugründungen von Verbänden (Bodelshausen, Ofterdingen) gab, die zuvor zu Mössingen zählten. Wesentlich bescheidener jedoch waren die Anfänge; wenige Monate nach der Gründung ergab die Bestandsaufnahme im September 1970 nur acht Mitglieder. Und diese kamen fast alle aus demselben Haus, es waren überwiegend „Zugezogene“, die die bis dahin typische Mössinger Skepsis – wurzelnd auch in den historischen Erfahrungen in Folge des „Generalstreiks“ – gegenüber parteipolitischer Aktivität nicht teilten. Innerhalb dieser achtköpfigen Gruppe überwog der Anteil von Männern ganz eindeutig, immerhin eine Frau sorgte von Beginn an für einen aus Geschlechterperspektive gemischten Stadtverband. Die Gründungsmitglieder waren zwischen 26 und 56 Jahre alt, wobei die Jüngeren, das heißt die unter 30-Jährigen, ganz eindeutig in der Mehrheit waren – der Schnitt lag bei gerade einmal 35 Jahren. Relativ deutlich überwogen die kaufmännischen Berufe.


Ausschnitt aus der ersten Wahlwerbung des Stadtverbandes von der Gemeinderatswahl 1971.

Die Gründung des Mössinger Stadtverbandes im Jahr 1970 fiel in eine für die Bundesrepublik bewegte Zeit. Seien es die Proteste der „68er“ oder sei es die Ostpolitik der Regierung Brandt. Es war jedenfalls eine Phase starker Politisierung, die sich auch in verstärktem parteipolitischem Engagement ausdrückte. Das gilt für die Sozialdemokratie, aber eben auch für die Christdemokratie. Wohingegen die SPD traditionell eine Partei mit breiter Massenbasis war und sein wollte, trug die CDU in den ersten Jahren ihres Bestehens seit 1945 stärker den Charakter einer Honoratiorenpartei, die zwar bessere Wahlergebnisse, aber deutlich niedrigere Mitgliederzahlen als die SPD aufweisen konnte. Von Ende der 60er- bis Mitte der 70er-Jahre änderte sich dies aber und die Mitgliederzahl der CDU verdoppelte sich schnell. Ein wichtiger Grund dafür war der Gang in die Fläche, das heißt die Gründung neuer Verbände außerhalb der Zentren. Die Gründung des Mössinger Stadtverbandes im Jahr 1970 steht damit für diese Entwicklung geradezu exemplarisch. Gleichzeitig hat diese Dynamik mit der Politisierung und Polarisierung der Zeit um 1970 zu tun. Willy Brandt – so könnte man sagen – war damit nicht nur Auslöser für einen Boom „seiner“ SPD, sondern auch für den der Unionsparteien. Dies zeigte sich gleich in der ersten Veranstaltung des neugegründeten Mössinger Ortsverbandes im September 1970.

Im Belsener „Adler“ betrat man die politische Arena, indem man sich einem der großen Themen der Zeit zuwandte: der Ostpolitik, konkreter dem deutsch-sowjetischen Vertrag. Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschland-Ausschusses der CDU, Klaus Jentzsch, wurde als Referent gewonnen und er sprach über die „Deutschlandpolitik der 70er Jahre“. Wenig überraschend war sein Vortrag durch eine Ablehnung der neuen Ostpolitik Willy Brandts und die Befürchtung, von den Sowjets übervorteilt zu werden, geprägt. Der Referent und sein Publikum bewiesen an diesem Abend eine lange Ausdauer, denn die Veranstaltung endete erst nach vier Stunden „gegen Mitternacht“. Nachdem auch der Zuhörerzuspruch dieses ersten Vortrags als sehr zufriedenstellend wahrgenommen wurde, folgte relativ schnell der nächste Gast – nun wurde ein finanzpolitisches Thema gewählt.

Dieter Jüttner sprach am 3. November über die Frage, ob eine Inflation „unvermeidlich“ sei. In Folge dieser offensichtlich erneut gut besuchten Veranstaltung veröffentlichte die Mössinger CDU eine Resolution, in der sie die „kontinuierliche Aufwertung“ des Wechselkurses forderte, um so einem befürchteten „Inflationsimport“ entgegenzuwirken. Der Mössinger Ortsverband der SPD reagierte darauf in einer Stellungnahme, worauf sich eine im Schwäbischen Tagblatt ausgetragene Debatte anschloss. Die SPD folgte zwar der Forderung nach einer Aufwertung der D-Mark, gab aber der CDU die Schuld dafür, dass dies in der großen Koalition 1969 nicht geschehen sei – der CDU Ortsverband hingegen sah in einem offenen Brief dem Wirtschaftsminister Schiller („der bekanntlich der SPD angehört“) in der Verantwortung; zugleich warf sie den Mössinger Sozialdemokraten Polemik vor. Gegen diese Vorwürfe wehrte sich die SPD, begrüßte aber im Namen ihres Vorsitzenden Dr. Dieter Schmidt die Gründung des CDU Ortsverbandes – „Politik“ gehöre „auch aufs Rathaus“ – und forderte den jungen Verband auf, eine Liste zur Gemeinderatswahl im kommenden Jahr einzureichen.

Bedeutende Persönlichkeiten der frühen CDU-Geschichte: Harald Arps, Dr. Günter Georg Kinzel und Wilhelm Merk (v.l.n.r.)

Genau das machte die CDU dann auch und konnte einen kleinen Anfangserfolg verbuchen, indem sie bei der Kommunalwahl 1971 immerhin einen von zwölf Sitzen im Gemeinderat gewinnen konnte: Harald Arps zog für die CDU in das Gremium ein. Als Geschäftsführer des Fördervereins Mössinger Hallenbad gelang es ihm, viel Unterstützer für dieses Projekt zu gewinnen, so beteiligte sich der Landtagsabgeordnete Gerd Weng mit einer „großzügigen Spende“. Ein Öschinger schaffte es 1971 für die CDU in den Kreistag, der Unternehmer Wilhelm Merk. Die Zahl der Sitze im Gemeinderat hat sich in den letzten 50 Jahren deutlich erhöht, seit der Wahl 2019 besteht die CDU-Fraktion aus sieben Mitgliedern. Aus den kleinen Anfängen hat sich ein Verband entwickelt, der in Mössingen fest verankert ist. In den 50 Jahren seines Bestehens gelang es viele wichtige Politikerinnen und Politiker in die Stadt zu holen – besonders schillernd sicherlich die Rede von Franz Josef Strauß im Ernwiesenstadion 1980 vor rund 17.000 Besuchern.


Eine feste Größe in der politischen Landschaft des Steinlachtals: Flyer zur Kreistagswahl 1971
 
 

 

Die Vorsitzenden des CDU-Stadtverbandes Mössingen

 

Dr. Günter Georg Kinzel

Stadtverbandsvorsitzender 1970-1985

CDU-Kreisvorsitzender 1977-1981
 

Prof. Dr. Berthold Thiel

Stadtverbandsvorsitzender 1985-1995

Gemeinderat 1989-2009, Fraktionssprecher 1999-2009

Stv. ehrenamtlicher Bürgermeister 2004-2009
 

Ulrich Dinkelacker

Stadtverbandsvorsitzender 1995-2006
 

Sascha Mück

Stadtverbandsvorsitzender 2006-2010
 

Dr. Andreas Gammel

Stadtverbandsvorsitzender 2010-2014

Gemeinderat seit 2004, Fraktionssprecher seit 2009

Kreisrat 2009-2015

Stv. CDU-Kreisvorsitzender 2011-2013
 

Dirk Abel

Stadtverbandsvorsitzender seit 2014

Gemeinderat seit 2019

Stv. CDU-Kreisvorsitzender seit 2013


 

Autor: Dr. Dennis Schmidt

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